Geschichten
Das Geheimnis der Delphine
von Günes Kale
Es war einmal ein kleines Mädchen, das so gern viele schöne
Sachen machen wollte. Es lebte auf einer Insel, wo es nur Ödnis
gab. Wie es dorthin gekommen war, wusste es selbst nicht mehr. Es hatte
keine Eltern und war ganz allein. Hier gab es keine Spielsachen, keine
Freunde - nichts was das Leben schön machen konnte.
Auf der anderen Seite des Meeres leuchtete ihr ein wunderschönes
Land entgegen. Dort war das Land ihrer Träume. Aber - wie hinkommen?
Sie beschloss, schwimmen zu lernen und dann hinüberzuschwimmen.
Tag um Tag übte sie, sie spürte, wie sie immer mehr an Kraft
gewann. Aber würde sie es bis ans andere Ufer schaffen?
Als sie eines Tages wieder ihre Schwimmübungen machte und weiter
als sonst hinausschwamm, tauchte aus dem Meer ein schreckliches rotes
Ungeheuer auf, ein Wasserdrachen voller Zacken, der Feuer aus seinen
Nüstern spie und sie mit wutverzerrten Augen ansah.
Voller Angst schwamm sie zurück. Tage traute sie sich nicht mehr
ins Wasser und verharrte regungslos auf ihrer Insel. Sie war verzweifelt.
Nie würde sie das Land ihrer Träume erreichen. Und wenn sie
es nicht erreichen konnte, wollte sie sterben.
Wie sie schon immer schwächer wurde, dachte sie bei sich: Ich
habe nichts mehr zu verlieren. Also kann ich genauso gut versuchen trotz
des Wasserdrachens hinüberzuschwimmen. Ob ich hier sterbe oder
der Drache mich frisst, ist einerlei. Dann habe ich es zumindest versucht.
Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang war es soweit: Sie grüßte
die Sonne, betete, verabschiedete sich von der Insel und schwamm los.
Auf halber Strecke tauchte der Drache wieder auf, ein paar Meter vor
ihr.
Sie dachte: Jetzt ist es um mich geschehen. Der Drache spie Feuer,
schlug mit den Flossen Riesenwellen, Wasserberge türmten sich auf
vor ihr - und sie drohte unterzugehen. In ihrer Not rief sie im Geiste
um Hilfe, bevor sie die Besinnung verlor.
Plötzlich tauchte eine Schar Delphine auf. Ein Delphin stupste
das Mädchen, ein anderer hielt es über Wasser, so dass sie
atmen konnte. Die anderen Delphine bildeten einen schützenden Kreis
um das Mädchen. Und als es erwachte, hörte es die fröhlichen
Stimmen der Delphine, die keckerten, sangen und jubilierten.
Die Sonne schien und spiegelte sich auf dem Wasser. Ungläubig
sah sie um sich, konnte das wahr sein? Die Delphine riefen ihr zu: "Hab
keine Angst! Wir sind bei dir, der Drachen kann dir nichts tun, das
Leben ist schön. Frag ihn, wer er ist!"
Das Mädchen tat, was sie ihm auftrugen. Der Drache sah von ihrem
sicheren Delphinfloß aus gar nicht mehr so furchterregend aus,
obwohl er immer noch das gleiche machte. "Wer bist du?" fragte
sie ihn laut. "Mein Name ist Angst und Schrecken", dröhnte
er zurück. "An mir gelangt niemand vorbei."
Die Delphine lachten. Eine Gruppe schwamm auf ihn zu und umzingelte
ihn, wich behände seinen Flossenschlägen aus und fing an,
ihn zu kitzeln. Er vollführte tollkühne Kaskaden, um dem Gekitzel
auszuweichen, aber die Delphine waren schneller und kitzelten ihn durch.
Schließlich konnte er nicht mehr anders, er musste lauthals lachen.
Und wie er so lauthals lachte, fing er an sich aufzulösen - wie
eine Rauchwolke, die gen Himmel zog.
Das Mädchen staunte. Kein Drache mehr da, und das Ufer war schon
nah. Sie sah Karussells, bunte Blumen, spielende Kinder, einen Fluss,
Paläste, Regenbogen, hörte das Zwitschern der Vögel.
Ein Hund bellte. Die Delphine sprangen in eleganten Bögen voller
Lebensfreude um sie herum und riefen: "Das ist das Geheimnis. Ungeheuer
verlieren ihre Macht, wenn sie lachen müssen. Merke dir das gut."
Das Mädchen nickte. Mit strahlenden Augen blickte sie ans Ufer,
wo ihr jetzt einige zuwinkten. Sie streichelte den Delphin, der sie
trug. Jetzt waren sie ganz nah am Ufer. Behutsam setzte der Delphin
sie ab und blickte sie freundlich an. Auch die anderen Delphine hatten
sich um sie versammelt und sangen ein Lied. "Wir sind immer da,
wenn du uns brauchst. Jetzt geh und lebe deine Träume."
Das Mädchen bedankte sich und hatte Tränen in den Augen.
Sie umarmte den Delphin, der sie getragen hatte, sagte "lebt wohl".
Die Delphine schwammen und sprangen Richtung Meer. Das Mädchen
wendete sich um und ging in Richtung Land. Sie war im Land ihrer Träume
angekommen.
Copyright 2001
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