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Geschichten
Das stumme Mädchen
von Günes Kale
In einem kleinen Häuschen am Rande der Stadt lebte ein Mädchen,
das war voller Geschichten. Kein Mensch wusste das, weil - sie war stumm.
Vor langer Zeit war ein Fluch über sie gelegt worden, der ihr die
Stimme genommen hatte. Andere Menschen sahen das hübsche Wesen,
wie sie fegte, Wäsche wusch und kochte, und fragten sich: was ist
mit ihr, wer ist sie? Ab und an liefen ihr Tränen über das
hübsche Gesicht herunter, die funkelten wie Tautropfen an einem
schönen Frühlingsmorgen. Die Menschen sahen sie sonderbar
an und wussten nicht, wie sie sich ihr gegenüber verhalten sollten.
Manchmal lächelte sie zart, da spürten die Menschen, dass
ein Geheimnis sie umgab.
So ging es lange Zeit. Das Mädchen sehnte sich danach, den Menschen
ihre Geschichten zu erzählen. Allein - ihr Mund blieb versiegelt.
Eines Nachts hatte sie einen Traum. Eine Stimme sagte ihr: "Geh
bei Sonnenaufgang an den Fluss, dort wirst du jemanden treffen, der
dir helfen kann. Komm nicht eher wieder, als bis du jemanden getroffen
hast." Die Stimme dröhnte machtvoll und war ein wenig erschreckend.
Schlagartig war das Mädchen wach.
Es war noch dunkel. Sie zog sich an und machte sich auf den Weg. Sie
hatte Angst so ganz allein im Dunkeln, aber ihr war klar, dass sie der
Stimme folgen musste. Sie ging und ging, spürte den Boden unter
ihren Füssen. Es war so dunkel, dass sie nichts erkennen konnte.
Nah bei ihr knackte es, und sie hatte Todesangst. Sie hörte Stimmen
von Geistern, die ihr zuraunten "Geh nicht, geh nicht", in
der Luft flogen Wesen vorbei, die sirrende Geräusche machten. Tapfer
ging sie weiter. Der Morgen graute. Noch eine Kurve und sie war auf
der Anhöhe, von wo aus sie den Fluss sehen konnte.
Alles lag im grauen Nebel. Sie konnte den Fluss mehr ahnen als sehen.
Der Abstieg begann. Fuß um Fuß setzte sie auf den schmalen
Weg hinunter zum Ufer. Sie musste sehr aufpassen, dass sie keinen Fehltritt
machte und stürzte. Einmal rutschte sie beinahe aus. Sie hielt
sich an einem Busch fest. Ihr Herz klopfte wie wild. Gleich war es geschafft!
Sie sprang von einem Stein auf den weichen Sand und ging zum Wasser.
Der Fluss plätscherte leise vor sich hin, murmelte, raunte, spielte
mit ihren Füssen. Freude und Frieden überkam sie. Es wurde
heller. Am Horizont sah sie die Sonnenscheibe aufsteigen mit warmem
goldenen Licht. Gebannt verfolgte sie das Schauspiel. Versunken saß
sie im Sand und freute sich an der Schönheit des Augenblicks. Sie
vergaß beinahe, warum sie gekommen war.
Da sah sie einen Vogel fliegen. Er kam näher und näher, direkt
auf sie zu. Der Vogel hatte breite Schwingen, zog über ihr Kreise
und beobachtete sie. Das Mädchen saß ganz still, ihr schlug
das Herz bis zum Halse. Nach einer Weile landete der Vogel drei Meter
vor ihr. Sie sah ihn ruhig an und rührte sich nicht. Seine weißen
Federn glänzten im Morgenlicht.
Plötzlich richtete sich ein Lichtstrahl auf ihn. Einen Moment
lang war das Mädchen geblendet. Als sie wieder sehen konnte, stand
eine wunderschöne Frau vor ihr. Sie trug ein himmelblaues mit Sternen
übersätes Kleid, in ihrem leuchtenden Haar, das lose bis zur
Taille hinunterhing, waren zarte Blüten eingeflochten. In der Hand
hielt sie eine weiße Feder. Gütig lächelte sie das Mädchen
an, das vor Staunen große Augen machte.
"Komm her, mein Kind. Hab keine Angst, komm näher",
forderte die Fee das Mädchen auf. Zögernd und ehrfürchtig
folgte das Kind den Worten und kniete vor der Fee nieder. "Du hast
viel durchgemacht, mein Kind, doch Gott hat deine Gebete erhört.
Von heute an wirst du sprechen und schreiben können und den Menschen
deine Geschichten erzählen, dass es eine wahre Freude ist. Deine
Worte werden um die Welt gehen und die Herzen vieler Menschen berühren.
Gesegnet seiest du", sagte die Fee und berührte mit der Feder
den Mund und das Herz und den Kopf des Mädchens. Das Mädchen
fühlte, wie eine köstliche Leichtigkeit es ergriff. Sie öffnete
den Mund und sprach mit schöner Stimme "Danke", lachte
und weinte und umarmte die Fee. Die Fee lächelte, ihre violetten
Augen tanzten.
Es kam die Zeit des Abschiednehmens. Die Sonne stand hoch über
dem Fluss. Stunden waren vergangen wie ein Augenblick. Die Fee und das
Mädchen hatten sich Geschichten erzählt, die nicht für
menschliche Ohren bestimmt waren. "Schreibe und sprich, lache und
tanze, Gottes Segen ist mit dir." Das Mädchen löste sich
nach dem Abschiedskuss und schloss die Augen. Als sie diese wieder öffnete,
sah sie den weißen Vogel gen Himmel fliegen. In seinem Schnabel
trug er einen goldenen Zweig.
Das Mädchen winkte mit Tränen in den Augen und rief "Auf
Wiedersehen, Schwester des Himmels, Gott segne Dich."
Copyright 2001
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