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Geschichten
Bewährungsprobe
von Günes Kale
"Blau - Schwestern der Winde - Blau - ist die Farbe der Hoffnung, die Farbe
der Kraft", sang Jesa-ala den Frauen vor, die in der Mittagshitze gen Himmel
blickten. Seit Monaten hatte es nicht geregnet, die Rippen der Ziegen traten
deutlich hervor, und Milch gaben sie schon lange nicht mehr. Jesa-ala war seit
fünf Monden Priesterin des Stammes und somit auch zuständig für Regen, Fruchtbarkeit
und Anrufung der Götter. Das Amt war ihr von der alten Elija übertragen worden.
Hunderte von Malen hatte diese die Mondin voll werden sehen, dann vor sechs Monden
hatte sie Jesa-ala zu sich gerufen und ihr gesagt, dass ihre Zeit nun gekommen sei.
Jesa-ala hatte lange bei ihr gelernt, doch der Ruf kam überraschend.
Ein großes Fest war gefeiert worden, alle Frauen des Stammes hatten um das Feuer
herum getanzt, die alten Gesänge gesungen, während sie buntbemalt unbeweglich wie eine
Statue unter den blauen Flügeln des hölzernen Maru-Vogels stand. Elija sang die
heiligen Initiationsworte, die Energien der Elemente fegten von allen Seiten durch
Jesa-alas Körper und vereinigten sich schließlich als goldene Kugel in ihrem Leib.
Ihr Körper war lange darauf vorbereitet worden, dennoch - es war ein unbeschreiblicher
Vorgang: wie Wüstenwind, der mit seiner ganzen Stärke durch sie hindurchblies, jede
Zelle ihres Körpers mit feinstem Sand zermahlte, nichts beim alten ließ und sie neu
und leer und voll zugleich zurückließ. Am Morgen war Elija dann gegangen, in die rote
Wüste hinein zum Platz der Ahnen, um zu sterben. So war es seit jeher Sitte, so war es
Brauch in Ina-ana.
Und nun stand Jesa-ala vor ihrer ersten großen Herausforderung und sie wusste nicht,
ob sie diese meistern würde. Sie hatte Kindern ins Licht der Welt geholfen,
Namenszauber und Schutzgebete gesprochen, Menschen beim Sterben begleitet und Tiere
gesund gebetet, Häuser gesegnet und Amulette angefertigt. Aber der Regen schien einfach
nicht kommen zu wollen. Nacht um Nacht hatte sie alle Rituale durchgeführt, die sie
gelernt hatte. Lieder gesungen, magische Reisen unternommen, zermahlene Kräuter in die
Flammen geworfen, in Zunge mit den Göttern geredet. Die Dorfbewohner hatten Opfergaben
dargebracht, den Regentanz getanzt, einen Tag geschwiegen und Löcher in Mutter Erde
gegraben, um die Verbindung zu ihr zu stärken. Nichts hatte geholfen. Und ausgerechnet
heute war der Tag, die Schwestern der Winde anzurufen und die Farbe Blau als
Hoffnungsträgerin heraufzubeschwören.
Sie bemerkte, wie die Frauen sie mit stumpfen Augen ansahen. Nicht nur die Ziegen
waren mager, auch die Brüste der Frauen waren ausgetrocknet. Im Moment war es für sie
alle schwer zu verstehen, warum Blau die Farbe der Hoffnung sein sollte. Seit Monaten
wanderte der Feuerball durchs blaue Himmelsmeer, trocken und heiß, sengende Hitze
verbreitend. In der Steppe lagen Tierkadaver, alles Lebendige ließ die Köpfe hängen
und Mensch und Tier hatten einen müden Gang. Die Zeremonie war zu Ende.
Es musste bald etwas geschehen. Der Dorfälteste hatte ernsten Auges zu ihr gesprochen
und wenn nicht bald etwas geschah, würde sie Elija in die Wüste folgen müssen, obwohl
sie noch so jung war. Die Sitten waren streng, eine Priesterin, die versagte, stand nach
dem Urteil der Dorfbewohner nicht in der Gunst der Götter, fügte dem Dorf Schaden zu und
hatte zu gehen, um die Götter wieder gewogen zu stimmen. Sie selbst hatte das nie
miterlebt, doch Elija hatte ihr von einigen Frauen erzählt, denen es so gegangen war,
weil sie das Amt nicht zu tragen wussten.
Schweren Herzens ging Jesa-ala am Abend in ihre Hütte. Die Mahlzeiten vor ihrer Tür
waren kärglich, ein weiteres Zeichen, wie unzufrieden die anderen mit ihr waren. Sie
machte ein Feuer und sah in die Flammen. In ihrem Herzen hörte sie die Stimme der alten
Elija. "Du hast die Kraft in dir. Rituale und Zeremonien sind ein wichtiger Bestandteil
unseres Lebens. Wir als Priesterinnen haben die Aufgabe, die Dorfbewohner einzubinden
in das göttliche Geschehen. Doch all unser Wissen und die überlieferten Heilformeln
reichen manchmal nicht aus - dann musst du der Kraft in dir und deiner inneren Stimme
vertrauen, um die Lösung zu finden. Vergiss das nie: Vertrau dir selbst."
Jesa-ala starrte weiter blicklos in die Flammen, ließ das Farbenspiel in ihre wie
Fenster geöffneten Augen fallen, wie die Alte sie gelehrt hatte. Gelb, orange, rot,
grün, blau - blau? Sie konzentrierte sich auf den blauen Widerschein, der
schlangengleich im Inneren des Feuers aufloderte. Vor ihren Augen wurde alles blau.
Sie schloss die Augen und sah Maru, den Hüter der Gesetze durch die Nacht fliegen.
Jesa-ala schickte ihren Geist hinaus zu ihm, Maru ließ sie ein, nun flogen sie
gemeinsam durch Raum und Zeit. Sie sah Sterne, den roten Planeten und schließlich
die Erde, so klar und deutlich wie nie zuvor. Wunderschön war sie anzusehen, und
Jesa-ala wusste wieder, warum Blau die Farbe der Hoffnung war. Vereint mit Maru glitt
sie näher und näher heran. Sie sah ihr Dorf, wo alle friedlich zu schlafen schienen.
Ein wilder Hund heulte in der Nacht. Am Ende des Kontinents leuchtete tiefblau das
Meer, darüber türmten sich dunkel graue Wolken. Es regnete.
Blitzartig wusste sie, was sie zu tun hatte. Sie rief die Schwestern der Winde an:
"Hört meine Bitte, Schwestern der Winde, bringt diese Wolken gen Osten - Blau ist die
Farbe der Kraft, Blau ist die Farbe der Hoffnung." Durch die Augen Marus schoss ein
Strahl, in dem die Umrisse der Schwestern der Winde in ihren Lichtgestalten sichtbar
wurden. Sie lächelten und bliesen die Wolken über Jesa-alas Dorf. Donner krachten,
Blitze durchzogen den nächtlichen Himmel und dicke Regentropfen begannen auf die
dürstende Erde hernieder zu prasseln.
Jesa-ala dankte Maru, den Schwestern der Winde und Elija, öffnete die Augen, löschte
das Feuer und ging hinaus. Dort standen die anderen Dorfbewohner mit ausgebreiteten
Armen, glückselig lächelnd, die Kinder tobten und die Ziegen riefen. Die Welt war
wieder in Ordnung. Am nächsten Abend hatte Jesa-ala Berge von Speisen vor ihrer Tür
und eine blaue Feder. Sie hatte ihre erste Bewährungsprobe bestanden.
Copyright 2001
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